Petition richtet sich an:
Deutscher Bundestag Petitionsausschuss
Wir fordern die sofortige Rücknahme der Vergütungsabsenkung für Psychotherapie um 4,5 % ab dem 1. April 2026 sowie die vollständige Ablehnung aller Kürzungsvorschläge der Finanzkommission Gesundheit, die die psychotherapeutische Versorgung in Deutschland weiter zerstören.
Psychische Erkrankungen sind eine der größten gesundheitspolitischen Krisen unserer Zeit. Die Antwort des Systems: Kürzung. Immer mehr Kürzung.
Ab dem 1. April 2026 wird die Vergütung psychotherapeutischer Leistungen um 4,5 Prozent abgesenkt — gegen die ausdrückliche Ablehnung der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV), die bereits Klage beim Landessozialgericht Berlin-Brandenburg eingereicht hat. Zusätzlich hat die Finanzkommission Gesundheit am 30. März 2026 einen Bericht mit 66 weiteren Vorschlägen vorgelegt. Überproportional viele treffen erneut die Psychotherapie — darunter die Rückführung in die Morbiditätsbedingte Gesamtvergütung (MGV), die Streichung der Kurzzeittherapie-Zuschläge und die Abschaffung der fachärztlichen Grundversorgungsförderung. Die DPtV-Bundesvorsitzenden Dr. Enno Maaß und Dr. Christina Jochim: „Versorgungsfeindliche und katastrophale Kürzungen sind mittlerweile salonfähig in der GKV. Wir sind entsetzt."
Wer trifft diese Entscheidungen — und wer fehlt am Tisch? Die FinanzKommission Gesundheit besteht aus zehn Wissenschaftlern: Prof. Dr. Wolfgang Greiner (Vorsitz, Gesundheitsökonomie), Prof. Dr. Jonas Schreyögg (Gesundheitsmanagement), Prof. Dr. Leonie Sundmacher (Gesundheitsökonomie), Prof. Dr. Verena Vogt (Versorgungsforschung), Prof. Dr. Amelie Wuppermann (Finanzwissenschaft), Prof. Dr. Dr. Eva Winkler (Medizinethik), Prof. Dr. med. Ferdinand Gerlach (Allgemeinmedizin), Prof. Dr. Michael Laxy (Public Health), Prof. Dr. Dagmar Felix (Sozialrecht), Prof. Dr. Gregor Thüsing (Arbeitsrecht). Kein einziges Mitglied kommt aus der Psychotherapie, Psychiatrie, Psychologie oder Traumaforschung. Kein Betroffenenvertreter. Keine klinische Praxis. Eine Kommission entscheidet über Millionen psychisch kranker Menschen — ohne deren Welt zu kennen.
Psychotherapie macht gerade 1,5 Prozent der GKV-Gesamtausgaben aus. Krankenhäuser: 32,7 Prozent. Arzneimittel: 17,7 Prozent. Ausgerechnet dort, wo am wenigsten ausgegeben wird, wird zuerst gespart. Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten erwirtschaften nach Praxiskosten nur halb so viel wie Hausärzte — und können anders als Ärzte keine Privatpatienten quersubventionieren. Die Kürzung trifft eine Berufsgruppe, die bereits heute am unteren Rand der vertragsärztlichen Vergütung arbeitet.
22 Prozent der Kinder und Jugendlichen leiden laut COPSY-Studie unter psychischen Auffälligkeiten — fünf Prozent mehr als vor der Pandemie. Angststörungen bei jugendlichen Mädchen stiegen 2019–2024 um 53 Prozent. 51 Prozent aller Jugendlichen berichten aktuell von psychischen Belastungen. Psychische Erkrankungen erhöhen das Risiko für Schulabbruch, Studienabbruch und Frühberentung massiv — 53 Prozent aller Frühberentungen gehen auf psychische Ursachen zurück. Im Jahr 2024 nahmen sich 10.372 Menschen das Leben — 7,1 Prozent mehr als im Zehnjahresschnitt. Über 100.000 Suizidversuche — alle fünf Minuten einer. Volkswirtschaftliche Kosten durch psychisch bedingte Arbeitsunfähigkeit 2021: 42,9 Milliarden Euro.
In Bayern warten Menschen bereits 97 Tage auf einen Therapiebeginn. In Kliniken werden Angebote abgebaut, Personal fehlt. Statt Therapie: Medikamente und Apps. Apps können keine Psychotherapie ersetzen — sie haben keine Empathie, keine Lebenserfahrung, keine Fähigkeit zur tragfähigen therapeutischen Beziehung. Bindungsorientierte Psychotherapie ist für Menschen mit komplexen Traumafolgestörungen unverzichtbar — und vielerorts kaum noch realisierbar. In unserer Selbsthilfegruppe „Stress- und Traumafolgestörungen" mit über 5.600 Mitgliedern erreichen uns wöchentlich Berichte über katastrophale Versorgungszustände in Kliniken und im ambulanten Bereich.
Die Bundespsychotherapeutenkammer nennt die Kürzung „skandalös". KBV-Chef Dr. Andreas Gassen: „fatale Entscheidung zulasten psychisch kranker Menschen." DPtV, bvvp und der Berufsverband der Frauenärztinnen und Frauenärzte stehen geschlossen dagegen.
Diese Petition wird initiiert von der BAGbN – Bundesarbeitsgemeinschaft für bedarfsgerechte Nothilfe (bagbn.info), der MH Akademie – Michaela Huber Psychotraumatologie und dem International Institute for Psychology (IIfP). Wir vertreten Betroffene, Therapeutinnen und Therapeuten sowie Fachleute aus Psychotherapie, Psychologie, Psychiatrie und Traumaforschung im deutschsprachigen Raum und international.
Wir — Betroffene und Fachleute gemeinsam — fordern: Stoppt den Kahlschlag. Der Staat hat die Pflicht, die Versorgung psychisch erkrankter Menschen sicherzustellen. Diese Pflicht wird bereits heute nicht mehr erfüllt. Weitere Kürzungen sind keine Sparmaßnahme. Sie sind eine Entscheidung gegen die verletzlichsten Menschen unserer Gesellschaft.
Aus familiärer Erfahrung weiß ich, wie schwer es ist, eine Therapie zu bekommen.