Region: Stuttgart

Ehrenbürgerschaft für Fritz Bauer – auch als Vorkämpfer gegen das §175-Unrecht

Petition richtet sich an:
Gemeinderat Stuttgart

2.045 Unterschriften

Sammlung beendet

2.045 Unterschriften

Sammlung beendet

  1. Gestartet Juni 2025
  2. Sammlung beendet
  3. Eingereicht
  4. Dialog mit Empfänger
  5. Entscheidung

Petition richtet sich an: Gemeinderat Stuttgart

Wir fordern die Ehrenbürgerschaft für Fritz Bauer, der als Initiator der Frankfurter Auschwitz-Prozesse für die Aufklärung über die Verbrechen des Hitlerfaschismus Herausragendes geleistet hat. 
Mit unserer Unterschriftenaktion erweitern wir die Unterschriftenliste „Ehrenbürgerschaft für Fritz Bauer“ des VVN – Bund der Antifaschist:innen Baden-Württemberg e.V. an die Stadt Stuttgart – um das Anliegen, Fritz Bauer auch als Vorkämpfer gegen das §175-Unrecht zu würdigen.

Begründung

Bauer ist 1903 als Sohn liberaler jüdischer Eltern in Stuttgart geboren und aufgewachsen. 1920 trat er der SPD bei. Von 1925 bis 1933 war er Richter am Amtsgericht Stuttgart. Im Zusammenhang mit Planungen zu einem Generalstreik gegen die Machtübertragung an die Hitlerfaschisten wurde er 1933 verhaftet und acht Monate im KZ Heuberg und im KZ Oberer Kuhberg inhaftiert. 1936 floh er nach Dänemark und 1943 weiter nach Schweden, wo er bis 1949 blieb. Nach seiner Rückkehr aus dem Exil hat Bauer als hessischer Generalstaatsanwalt einen unermüdlichen Kampf um die juristische Ahndung des nationalsozialistischen Unrechts geführt. 

Er brachte das Grauen von Auschwitz vor Gericht. Dank seiner Hartnäckigkeit konnten 211 Überlebende des KZ Auschwitz 1963 erstmals gegen ihre Peiniger aussagen und die in Auschwitz begangenen beispiellosen Verbrechen einer breiten Öffentlichkeit bekanntmachen. 

Dass Bauer auch einer der Ersten in der Bundesrepublik war, der gegen die Bestrafung einvernehmlicher sexueller Handlungen von erwachsenen Männern in den 50er Jahren seine Stimme erhoben hat, ist vielfach noch nicht bekannt. Er gab 1963 den Sammelband „Sexualität und Verbrechen“ mit heraus, der als Taschenbuch breite Beachtung fand. Bereits 1952 hatte er in seiner Eigenschaft als Generalstaatsanwalt den Versuch gewagt, eine Entscheidung des Bundesverfassungsgerichts über die Verfassungswidrigkeit des §175 herbeizuführen. In den 50er Jahren als hoher Staatsbeamter für die Abschaffung des §175 StGB einzutreten, war ein mutiger Tabubruch, den nicht nur queere Vereine würdigen sollten.

Angaben zur Petition

Petition gestartet: 08.06.2025
Sammlung endet: 23.01.2026
Region: Stuttgart
Kategorie: Bildung

Neuigkeiten

  • Ein historischer Schritt für Stuttgart: Fraktionsübergreifender Antrag für Fritz Bauer

    Unser Einsatz trägt Früchte: Am 16. Juli 2026 haben demokratische Stadträtinnen und Stadträte des Stuttgarter Gemeinderats einen fraktionsübergreifenden Antrag eingebracht. Dieser sieht die Einführung einer neuen Ehrung für herausragendes demokratisches Engagement vor – gewidmet Fritz Bauer. Zudem soll ein Platz vor dem Landgericht und Oberlandesgericht künftig seinen Namen tragen.

    Dies ist ein Meilenstein für Stuttgart und eine späte, aber umso bedeutendere Würdigung von Fritz Bauers unermüdlichem Einsatz für Menschenwürde und Gerechtigkeit!

    Ein herzliches Danke an alle, die unsere Unterschriftenaktion „Ehrenbürgerschaft für Fritz Bauer“ mit ihrer Unterstützung gestärkt haben! Ohne Ihr Engagement wäre dieser Erfolg nicht möglich gewesen. Unsere Initiative wird getragen von der AG Queere Erinnerungskultur „Der-Liebe-wegen“, IG CSD Stuttgart, LSVD+ Baden-Württemberg und dem gesamten Verein Weissenburg e.V.

    Bei der CSD-Kundgebung von Stuttgart Pride auf dem Schlossplatz am 25. Juli 2026 ist Ralf Bogen von der AG Queere Erinnerungskultur darauf in seiner Rede eingegangen, woraus wir hier Auszüge veröffentlichen (vollständig kann die Rede auf unserer Webseite "www.der-liebe-wegen.org" gelesen und auf dem Stuttgart Pride youtube-Kanal, bei ca. 26 Minuten, angeschaut werden):

    „Dass wir Fritz Bauer gerade beim CSD ehren, könnte kaum passender sein. Aus dänischen Polizeiakten wissen wir, dass Bauer sich zumindest bei einem Verhör zu seinen homosexuellen Kontakten und Neigungen bekannte. Trotzdem wird seine Homosexualität bis heute häufig verschwiegen oder infrage gestellt. Das ist kein Einzelfall: Auch Hans Scholls Verhaftung und anschließendes Verhör im Gestapogebäude Hotel Silber 1937 wegen homosexuellen Handlungen wurde jahrzehntelang verschwiegen. Umso wichtiger ist es, dass wir heute in unserer Erinnerungskultur queere Aspekte von Biografien endlich sichtbar machen.

    Als Bauer 1949 nach Deutschland zurückkehrte, galt der von den Nationalsozialisten verschärfte §175 unverändert weiter. Und dennoch schwieg Bauer nicht. Er erhob öffentlich seine Stimme gegen dieses Unrecht. Dass wir heute freier leben können, verdanken wir Menschen wie ihm.

    Fritz Bauer sagte: „Wir können aus der Erde keinen Himmel machen. Aber jeder von uns kann etwas dafür tun, dass sie nicht zur Hölle wird.“ Bei allen Meinungsdifferenzen und Schwierigkeiten, die wir im Umgang miteinander haben:
    Gegen Rechtspopulismus und Faschismus müssen wir A L L E zusammenstehen!

    Nach Angaben der Amadeu Antonio Stiftung wurde 2025 fast jede zweite CSD-Veranstaltung Ziel von Bedrohungen, Störungen oder Angriffen. Genau deshalb ist das Motto dieses CSD weit mehr als ein Slogan: „Ohne uns kein Wir. Füreinander laut. Miteinander stark.“ Denn demokratische Freiheiten und Vielfalt verteidigt niemand allein. Wenn wir einer weiteren Rechtsentwicklung hin zu einer neuen Diktatur erfolgreich entgegentreten wollen, brauchen wir ein starkes antifaschistisches Wir.

    Füreinander laut – das heißt: nicht zu schweigen, wenn Minderheiten wieder ausgegrenzt, angegriffen oder antifaschistische Proteste kriminalisiert werden.
    Miteinander stark – das heißt: zusammenzustehen, wenn die Schere zwischen Arm und Reich immer weiter auseinandergeht und rassistische sowie queerfeindliche Hetze lauter wird.

    In diesem Sinne wünsche ich Euch allen eine Happy Pride!“
     

  • Anlässlich von Stuttgart PRIDE 2026 haben wir den demokratischen Mitglieder des Gemeinderats einen offenen Brief "Zeit für ein klares Zeichen des Stuttgarter Gemeinderats gegen Rassismus und Queerfeindlichkeit: Dr. Fritz Bauer angemessen würdigen" geschrieben, den wir hier in Auszügen dokumentieren (er kann hier vollständig gelesen werden):

    Sehr geehrte demokratische Mitglieder des Gemeinderats,

    anlässlich des bevorstehenden CSD-Empfangs im Rathaus und des Beginns der CSD-Kulturwochen 2026 möchten wir unsere Unterschriftenaktion „Ehrenbürgerschaft für Fritz Bauer – auch im Kampf gegen das §175-Unrecht“ erneut in den Blick rücken.
    Seit der Übergabe der über 2000 Unterschriften an Frau Bürgermeisterin Isabel Fezer, Referat Jugend und Bildung, als Vertreterin der Stadt Stuttgart beim CSD-Neujahresempfang am 23. Januar 2026 haben wir von der Stadt die schriftliche Rückmeldung erhalten, dass wir uns noch etwas gedulden sollen. Bei einer zufälligen persönlichen Begegnung haben Sie, Herr Dr. Fabian Mayer, Erster Bürgermeister der Landeshauptstadt Stuttgart, zudem eine grundsätzlich unterstützende Haltung gegenüber unserem Anliegen erkennen lassen. Dies sehen wir als ein positives Signal und als gute Grundlage für den weiteren Dialog.
    Mit diesem Schreiben wollen wir unterstreichen, dass formale, rechtliche und finanzielle Einwände gegen eine angemessene Würdigung von Dr. Fritz Bauer im Stuttgarter Rathaus nicht länger im Wege stehen sollten. Wir von der AG Queere Erinnerungskultur „Der-Liebe-wegen“, von IG CSD Stuttgart, LSVD+ Baden-Württemberg und dem gesamten Verein Weissenburg wollen Sie alle für die baldige Realisierung unserer drei Kernanliegen gewinnen:

    • Sichtbare Würdigung im Rathaus: Hier soll ein Großfoto mit Begleitinformationen Dr. Fritz Bauer als demokratisches Vorbild, als couragierten Juristen im Kampf gegen die Nazi-Barbarei und auch als Vorkämpfer gegen das §175 -Unrecht bekannter machen.
    • Fritz-Bauer-Platz im Stadtzentrum: Ein Platz mit einer digitalen Informationstafel nahe dem ehemaligen Amtsgericht soll nach ihm benannt werden. An diesem Ort ist er am 24. März 1933 wegen seiner der NSDAP unliebsamen sozialdemokratischen politischen Tätigkeit und seiner jüdischen Herkunft verhaftet und in das erste KZ Württembergs auf dem Heuberg verschleppt worden.
    • Erinnerungs- und politische Bildungsarbeit: Die Stadt ist gefordert, Bauers demokratisches Vermächtnis durch Stipendien und Bildungsprogramme lebendig zu halten.

    Fritz Bauer in der ganzen Breite seines Wirkens angemessen würdigen
    Das herausragende Verdienst Dr. Fritz Bauers besteht unumstritten darin, die juristische Aufarbeitung der faschistischen Verbrechen Hitlerdeutschlands maßgeblich vorangetrieben und mit der Initiierung des Frankfurter Auschwitz-Prozesses einen Wendepunkt im Umgang der Bundesrepublik mit den NS-Verbrechen herbeigeführt zu haben. Zu seinem Lebenswerk gehört jedoch auch sein Einsatz gegen die strafrechtliche Verfolgung homosexueller Männer nach § 175. Dieser Aspekt wird bislang noch nicht in dem Maße gewürdigt, das ihm zusteht. Gerade der CSD 2026 bietet einen guten Anlass, diesen Teil seines Wirkens stärker sichtbar zu machen – denn gerade Stuttgart hat allen Grund, diesem Teil von Fritz Bauers Wirken in seiner Erinnerungskultur einen deutlich sichtbareren Platz einzuräumen (…).

    Baden-Württemberg und insbesondere Stuttgart Spitzenreiter bei der Verfolgung
    Die aktuelle universitäre Studie „Paragraf 175 StGB in der jungen Bundesrepublik – Verfolgung und staatliche Repression: Baden-Württemberg im Fokus eines sich wandelnden Sexualitätsdiskurses 1945-1969“ von Dr. phil. J. Noah Munier (Link) bestätigt die früheren außeruniversitären Recherchen von unserem Internetprojekt www.der-liebe-wegen.org (Link): Baden-Württemberg und insbesondere Stuttgart nahmen in den 1950er- und 1960er-Jahren eine bundesweite Spitzenstellung bei der Verfolgung homosexueller Männer nach § 175 ein. (…)

    Ein wichtiges Zeichen für eine offene und demokratische Stadtgesellschaft jetzt setzen
    Wir möchten Sie deshalb ermutigen, sich für eine angemessene Würdigung Dr. Fritz Bauers im Stuttgarter Rathaus einzusetzen, die auch seinen Einsatz gegen den § 175 ausdrücklich einbezieht. Damit würde die Stadt seinem Lebenswerk in seiner ganzen Breite gerecht werden und zugleich ein wichtiges Zeichen setzen: für die Sichtbarkeit eines bislang zu wenig beachteten Kapitels der Stuttgarter Geschichte und für die Erinnerung an die Opfer der Verfolgung homosexueller Männer in unserer Region sowie weiterer Menschen, die aufgrund ihrer sexuellen Orientierung oder geschlechtlichen Identität bzw. ihres Geschlechtsausdrucks staatlicher Ausgrenzung ausgesetzt waren. (…)

    Lassen Sie uns jetzt gemeinsam durch eine angemessene Würdigung von Dr. Fritz Bauer in der ganzen Breite seines Wirkens an seinem Geburtsort Stuttgart ein wichtiges Zeichen gegen Rassismus und Queerfeindlichkeit und für eine offene und demokratische Stadtgesellschaft setzen!

  • Bei der Kundgebung zum IDAHOBITA* am 17. Mai 2026 auf dem Stuttgarter Schlossplatz haben wir unsere Forderung nach einer angemessenen Ehrung von Fritz Bauer „als couragierten Juristen, als demokratisches und moralisches Vorbild und als Vorkämpfer gegen das §175-Unrecht“ an den Stuttgarter Gemeinderat bekräftigt.

    Nach der Übergabe der Unterschriften zur Aktion „Ehrenbürgerschaft für Fritz Bauer – auch als Vorkämpfer gegen das §175-Unrecht“ beim CSD-Neujahresempfang am 23. Januar 2026 haben wir in einem Email-Schreiben vom 30. März 2026 an den Ersten Bürgermeister Dr. Fabian Mayer um ein Gespräch gebeten. Zum einen möchten wir die Unterschriften überreichen, die uns nicht online erreicht haben. Dies erscheint uns auch aus Datenschutzgründen geboten. Zum anderen möchten wir erfahren, wie die Stadt beabsichtigt, mit unserem Anliegen umzugehen: der Forderung nach einer symbolträchtigen und angemessenen Ehrung von Fritz Bauer als Impuls für die Weiterentwicklung einer lebendigen, vielfältigen und inklusiven Erinnerungskultur in unserer Stadt. In einer Mailantwort wurden wir noch um Geduld gebeten.

    In der Rede von Ralf Bogen (AG Queere ErinnerungskulturDer-Liebe-wegen“ des Weissenburg e.V.) auf der IDAHOBITA*-Kundgebung heißt es dazu:
    „Eine solche Ehrung wäre weit mehr als Symbolik. Sie wäre ein klares Bekenntnis zu Gerechtigkeit, Menschlichkeit und Zivilcourage – und ein deutliches Zeichen gegen Rassismus und Queerfeindlichkeit. Denn Erinnerung ist kein bloßer Rückblick – Erinnerung ist ein Auftrag für die Zukunft!
    Gerade in Zeiten, in denen demokratische Werte unter Druck geraten, brauchen wir solche klaren Zeichen mehr denn je. Deshalb: Schluss mit dem Zögern. Es ist Zeit für ein klares Zeichen des Stuttgarter Gemeinderats – gegen Rassismus und Queerfeindlichkeit: durch eine endlich angemessene Ehrung von Fritz Bauer in Stuttgart.
    Deshalb gilt – wie schon beim Kampf um den Erhalt des Gestapogebäudes Hotel Silber als Erinnerungsort:
    Hartnäckig dranbleiben. Überzeugen. Verbündete gewinnen.“

    Die gesamte Rede ist hier zu lesen: https://der-liebe-wegen.org/17-5-2026-zusammenhalt-gegen-hass-und-hetze-staerken-idahobita-2026/

Von der Stuttgarter Zeitung / Nachrichten wurde verbreitet, dass es nach dem Stuttgarter Stadtrecht rechtlich nicht möglich sei, einer verstorbenen Person die Ehrenbürgerschaft zu verleihen. Dass es eine solche Rechtsvorschrift weder im Stuttgarter Stadtrecht noch in der baden-württembergischen Gemeindeordnung gibt, geht aus dem empfehlenswerten und gut recherchierten Kontextbeitrag von Oliver Stenzel hervor.

Mein Argument gegen eine rechtlich sinnlose Ehrenbürgerschaft, die mit dem Tod des Geehrten erlischt, hat euer System geschluckt, sehr ärgerlich!!! Ich plädiere für eine Medaille, s. Otto-Hirsch-Medaille. Was soll die Limitierung der Anschläge?

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